Prolet sein ?
Begriffsbesetzung als Mittel des Klassenkampfs

Prolet zu sein entspricht in heutiger Zeit, wenn überhaupt, nur selten der Vorstellung von Menschen über sich selbst. Ganz im Gegenteil wird der Begriff Prolet von den meisten Menschen eher als Beleidigung aufgefasst, verbinden sie doch damit verschiedenste, negativ besetzte Eigenschaften wie Unkultiviertheit bis hin zur Rüpelhaftigkeit, Ungebildetheit und Dummheit, kurzum alles das, was der neoliberal verbildete Jungakademiker ebenso, wie der sich auf der Höhe der Zeit wähnen wollende Politiker verschiedenster Parteizugehörigkeit inzwischen als "bildungsferne Schichten" zu bezeichnen pflegt.

So bedauerlich dies einerseits sein mag, ist dies jedoch andererseits ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie der Klassenfeind, in diesem Fall nicht nur auf sprachlicher Ebene, das Selbstbewußtsein der ihm naturgemäß gegenüber stehenden Klasse des Proletariats ausradiert und damit den Klassenkampf vorläufig erfolgreich auf die Spitze getrieben hat.

Das Proletariat als Träger jeglicher Wertschöpfung

Tatsächlich hat der Begriff des Proletariats aber nichts mit solchen Verunglimpfungen zu tun. Die gesellschaftliche Klasse des Proletariats setzt sich dem gegenüber schlicht aus dem Teil der Bevölkerung zusammen, der durch den Einsatz seiner Arbeitskraft und -leistung sämtliche Werte schafft, die die bestehende Gesellschaft insgesamt hervorbringt und von welchen alle Mitglieder dieser Gesellschaft leben. Aufgrund der bisherigen Entwicklung dieser Gesellschaft ist das Proletariat aber gezwungen, seine Arbeitskraft an Kapitalisten zu verkaufen, die es seit jeher verstanden haben, sich das Eigentum an den ebenfalls jeweils vom Proletariat erzeugten Produktionsmitteln und Werten zu verschaffen, also an den Klassenfeind.

Jeder Lohnabhängige und Scheinselbständige ist Prolet

Wer aber gezwungen ist, seine Arbeitskraft und damit sein Leben in Teilleistungen zu verkaufen, hat somit ein natürliches Interesse daran, hierfür einen möglichst angemessenen Preis zu erzielen, wogegen der Kapitalist sich demgegenüber die Arbeitskraft seiner Arbeitssklaven natürlich möglichst ohne Gegenleistung aneignen will. Die immer weiter um sich greifende Unsitte des Missbrauchs so genannter Praktika, die beispielsweise seitens der Firma Amazon.de in besonders hässlicher Weise praktiziert wird, indem sie immer wieder zur Weihnachtszeit hunderte Hartz-IV-Empfänger unter dem Vorwand von Praktikas und mit Hilfe tatkräftiger Nötigung seitens des Jobcenters Bad Hersfeld-Rotenburg über Wochen hinweg ohne jegliche Bezahlung als Vollzeitkräfte einsetzt, belegt dies im Übrigen besonders trefflich. Folglich steht der Prolet unvermeidlich im ständigen Kampf gegen die Kapitalisten um einen wenigstens gerechten Lohn.

Ausschließlich aus dem ökonomischen Zwang, seine Arbeitskraft an Kapitalisten verkaufen zu müssen und damit vor dem Hintergrund dieses ständigen Konflikts zwischen Kapital und Arbeit ergibt sich somit die korrekte Zuordnung jedes Einzelnen zum Proletariat.( siehe auch: Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, 1847 )

Aufgrund der stetigen Diversifizierung der kapitalistischen Produktion und ihrer damit verbundenen zunehmenden Komplexität hat sich im Lauf der Zeit die Zusammensetzung des Proletariats merklich geändert. Waren zu den Anfängen des Kapitalismus nur die direkt an der Produktion beteiligten Arbeiter dem Proletariat zuzurechnen, so sind inzwischen Menschen jeglichen Bildungs- und Ausbildungsstandes und in verschiedenster Organisationsform am Produktionsprozess beteiligt. Soweit diese gezwungen sind, ihre, wie auch immer qualifizierte Arbeitskraft zur Erhaltung ihrer Existenz an einen Kapitalisten zu verkaufen, also lohnabhängig beschäftigt sind, sind sie als Teil der kapitalistischen Produktion auch Teil des Proletariats und damit Proleten.( zum Phänomen des "Gesamtarbeiters": Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, 531 ff )

Das gilt zudem auch für jene Selbständigen, die im Zuge so genannten outsourcings von betrieblichen Abläufen aus geordneten Arbeitsverhältnissen in eine mehr oder weniger zweifelhafte Selbständigkeit ausgegliedert wurden, gleichwohl aber, sei es als Zulieferer oder Dienstleister von einem oder mehreren Kapitalisten in wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten werden.

Fehlendes Klassenbewußtsein ist die Grundlage ungehemmter Ausbeutung

Wer jetzt feststellt, auf dieser Basis selbst Prolet oder Proletin zu sein, muss dies keineswegs als Herabsetzung empfinden. Es muss nämlich jedem deutlich sein, dass der Prolet und die Proletin, also die lohnabhängig Beschäftigten oder in scheinselbständiger Abhängigkeit Gehaltenen , die wahren Leistungsträger jeder Gesellschaft sind und nicht jene, die sich aufgrund ihrer angemaßten Herrschaft über die Produktionsmittel mit Hilfe des bürgerlichen Staates tagtäglich die Arbeitskraft und damit den natürlichen Reichtum des Proletariats in betrügerischer Weise ( zur grundsätzlichen Methode der Mehrwertabschöpfung: Karl Marx, "Lohn, Preis und Profit", 1865 ) und zunehmend durch staatlich betriebene Nötigung der Betroffenen aneignen und diesem zum Dank dafür lediglich das Mindeste dessen überlassen, was es zur Aufrechterhaltung seiner verwertbaren Arbeitskraft benötigt. Dieser, durch den bürgerlichen Staat und seine Institutionen scheinlegitimierte, fortgesetzte Diebstahl, der sich immer häufiger zum Raub zu Lasten des Proletariats steigert, kann aber nur deshalb so hemmungs- und schamlos wie in heutiger Zeit betrieben werden, weil dem heutigen Proletariat inzwischen jegliches Bewusstsein für diese tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse und seine eigene Rolle in diesem schändlichen Spiel, also dessen Klassenbewusstsein, abhanden gekommen ist.

Klassenbewußtsein ist der Motor jedes wirklichen Fortschritts

Die Erkenntnis, die einzige wirtschaftlichen Ertrag für die Gesellschaft erzeugende Klasse zu sein, und damit die Ernährerin dieser Gesellschaft, rechtfertigt aber unmittelbar das Selbstbewußtsein des Proletariats, die ausschließliche Herrschaft über die gesamtgesellschaftliche Verteilung der von ihm erzeugten Werte wie auch über die vorhandenen Produktionsmittel für sich zu beanspruchen. Vor allem aber ergibt sich aus alledem auch das Bewußtsein, dass die Produktionsmittel für das Kapital ohne jeden Wert sind, wenn das Proletariat sich dem Produktionsprozess entzieht, also streikt. Dies ist die natürliche Kraft des Proletariats, die es ihm ermöglichen kann und letztendlich auch ermöglichen wird, seine Ansprüche durchzusetzen und zu deren Sicherung die politische Macht zu übernehmen und auszuüben.

Es besteht also kein Grund, sich wegen seiner Zugehörigkeit zum Proletariat zu schämen oder diese gar zu leugnen. Ganz im Gegenteil kann jeder Prolet und jede Proletin ebenso stolz auf die gesellschaftliche Leistung des Proletariats sein, wie auf die jeweils eigene Leistung. Dieser Stolz Prolet oder Proletin zu sein und das Wissen um die aus einem solidarischen Handeln des Proletariats erwachsende ökonomische wie auch politische Macht ist Klassenbewußtsein.

Und dieses Klassenbewußtsein ist es, was das Proletariat zur treibenden Kraft jeden gesellschaftlichen Fortschritts macht, indem es dem Proletariat ermöglicht, unbeirrt durch die Propaganda des Klassenfeinds, solidarisch zu handeln und damit seine Interessen konsequent zu vertreten und durchzusetzen.

Dieses Klassenbewußtsein, das vor allem auch weder nationalstaatliche Grenzen noch rassistische Vorurteile kennt, sondern nur den weltweit schwelenden Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, ist deshalb naturgemäß internationalistisch und weiß heute eben so wie vor knapp einhundert Jahren:

Der Hauptfeind steht im eigenen Land ( Karl Liebknecht, 1915 )

Deshalb:


Proletarier aller Länder, vereinigt Euch !
Vorwärts, und nie vergessen,
und die Frage konkret gestellt,
beim Hungern und beim Essen:
Wessen Morgen ist der Morgen?
Wessen Welt ist die Welt?

( Bertold Brecht,
Solidaritätslied, 1931 )

Ostermarsch 2010 in Stuttgart

1999, Beograd brennt
"für die Menschenrechte"
Jetzt für alle
gutgläubigen
Bundesbürger:
..und Tschüß
NSA..
Danke